Heute bin ich früher aufgestanden als sonst, weil ich gestern noch festgestellt hatte, dass heute der letzte Termin ist, an dem während meines Aufenthaltes im Supreme Court ein Verhandlungstag mit "oral Arguments" stattfindet. Um 9:30 sollte die erste Verhandlung anfangen. Ich war also um 20 vor 9 am Obersten Gericht der USA:
Ich hab also gewartet. Dadurch hatte ich einen Haufen Zeit, die Leute zu beobachten. Eine sehr auffälige Frau war mal wieder mit einem Schild unterwegs.
Sie hat einige missionarische Versuche bei den anstehenden Leuten unternommen. Außer ihr waren aber noch mehr Leute da, die für oder gegen Abtreibung protestiert haben. Dazu muss man wissen, dass der Supreme Court hier regelmäßig mit Fragen zur Abtreibung befasst wird und diese Frage von verschiedenen Gruppierungen für die Austragung ideologischer Schlachten genutzt wird.
Vor ein paar Tagen mussten nach längerer Zeit und etwas überraschend mal wieder die Kämpfer für die Rechte der Frau einen Rückschlag hinnehmen und die Abtreibungsgegner jubelten, als der Supreme Court eine bestimmte Form von Abtreibung mit fünf gegen vier Stimmen in einer knappen Entscheidung verboten hat.
Die heutige Verhandlung war nicht ganz so emotional aufgeladen, aber es war trotzdem ganz spannend. Nach 2,5h Wartezeit und zwei Sicherheitschecks konnte ich im großen Verhandlungssaal unter den wachsamen Augen mehrerer Security-Leute die plädierenden Anwälte in einer Sammelklage gegen Phillip Morris sehen.
Es ging um einen Produkthaftungsfall, in dem Phillip Morris vorgeworfen wurde, in ihrer Werbung irreführende Nikotin und Teerwerte angegeben zu haben. Ironischer Weise handelte es sich aber um ein Messverfahren, dass die zuständige Behörde vorgeschlagen hatte und Phillip Morris diesem Wunsch, wie die ganze Branche, nachgekommen war.
Die heutige Verhandlung war aber nur einen Nebenkriegsplatz, da vom Gericht allein die prozessuale Frage zu entscheiden sein wird, ob der Verweisungsantrag von Phillip Morris an ein Bundesgericht erfolgreich ist.
Inhaltlich war das alles auch nicht so interesant wie das Prozedere im Gerichstsaal. Die neun Richter werden vom Präsidenten auf Lebenszeit ernannt und haben ernormes (auch politisches) Gewicht. Die Richter dürften auch außerhalb von Juristen- und Politikerkreisen weithin bekannt sein.
Im Gerichtssaal sitzen etwa zweihundert Leute und die Verhandlungen mit "oral Arguments" sind etwas besonderes, weil die Anwälte ihre Sicht der Dinge darstellen, sie aber jederzeit von den Richtern unterbrochen werden können und diese ebenfalls ihre Ansichten darlegen. Die Richter sitzen dabei auf Stühlen mit hoher Lehne, die so beweglich sind, dass es aussieht als würden die 8 Herren und die eine Dame in Schaukelstühlen hinter ihrem erhöhten Richterpult sitzen.
Alle Beteiligten nutzen die Gelegenheit auch ein wenig für die Galerie zu diskutieren und sind sich der Anwesenheit des Publikums durchaus bewusst. Da werden also Äpfel mit Äpfeln verglichen, Lippenstifthersteller als Apfelrot-Beurteiler abgestellt und auch mal ein wenig geschmunzelt.
Für die Anwälte dürfte der Termin allerdings oft nicht so lustig sein. Ihre Argumente werden ständig von einem der Richter angezweifelt und die Argumentationsketten unterbrochen. Sie müssen also auf alles eine Antwort bereit haben und ihre Schriftsätze und einen haufen Gerichtsurteile im Kopf haben. Man hatte ein wenig den Eindruck, dass die Richter keiner Partei glauben wollten.
Nach einer Stunde war das Spektakel dann vorbei und ich bin zur Kanzlei gefahren. Ich bin wieder an der Union Station eingestiegen.
Im Fresstempel, der die komplette untere Etage einnimmt, hab ich dann noch schnell mein Mittagessen zu mir genommen, heute thailändisch. Hat aber geschmeckt wie beim letzten Mal mein chinesisches.
Ansonsten war nur noch Kanzlei und Feierabend. Ich bin schon wieder auf dem Rückweg in die falsche U-Bahn eingestiegen, hab es aber diesmal noch rechtszeitig gemerkt und bin in die Gegenrichtung eingestiegen. So, zu Hause noch ein paar Nudeln mit Tomatensoße und ein bisschen Fernsehen.
Irgendwann erzähl ich Euch mal was über die abgefahrene Werbung für Schlaftabletten, Schmerzmittel, vergleichende Autowerbung und vollkommen risikolose Kapitalanlagemethoden. Bis dahin sagt der WashingtonPoster erstmal,
Howdy!
4 Kommentare:
Sag mal, wie sind denn Deine Anwesenheitszeiten in der Kanzlei? FG
P.S. Nur damit ich weiß, wann ich das Essen zuhause für Dich bereitstellen darf ;-P
Ich habe übrigens gemerkt, dass ich keinen gültigen Reisepass habe. Daraufhin bin ich sofort zum Passbildfotografen gegangen und danach zum Einwohnermeldeamt. Die haben mir gesagt, dass der Ausweis frühestens in 4 Wochen käme. Hm. 23. April plus 4 Wochen, das wäre dann der 21. Mai. Zu spät, da ich mir als Reisetermin den 17. Mai ausgesucht hatte.
Doch unsere Behörden sind ja nicht doof und haben für Bekloppte wie mich ein sog. "Expressverfahren" eingeführt. Reisepass in 72 Stunden. Das musste ich dann in Anspruch nehmen, so dass mich der Pass insgesamt 91 € gekostet hat. Konsequenz: Ich muss jetzt halt in den nächsten Jahren des öfteren Übersee reisen, damit sich der Spektakel lohnt ;-)
Ich brauche doch nicht hoffentlich noch ein Visum???????
Flying Grill
Hi Grill!
Ich bin normal so zwischen 9:15 und 17:00 in der Kanzlei. Manchmal länger, außnahmsweise auch kürzer. Wenn du dann hier bist, sicherlich öfters mal ausnahmsweise. Tja, das mit dem Reisepass ist echt blöd, aber immerhin brauchst du wenigstens kein Visum. Ich werde dir mal noch die Adresse schicken, wo du voraussichtlich wohnen wirst, dann ist es an der Grenze leichter.
Gruß WP
P.S.: Ich schreib nachher nochmal ausführlicher, an was du denken musst und was nicht.
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