Als ich die Tür hinter mir zuziehe und beide Schlösser verriegele, ist es noch kalt. Die Sonne scheint aber satt durch das Grün der Bäume und die Schatten liegen deutlich auf dem hellen Asphalt. Es wird warm werden.
Ich brauche noch Kleingeld für den Bus. Mein letzter Quarter hat mich gestern nach Hause gebracht. Jetzt lasse ich das Frühstück ausfallen und kaufe mir beim Giant ein Croissant. Die Dicke Frau an der Kasse sieht mich etwas mitleidig an und begrüßt mich wie Ihren fünfjährigen Enkel. Sie sagt tatsächlich „hey sweety“ zu mir. Ich bin verwirrt. Mein Croissant kostet 99c und ich zahle mit einem Fünfer. Beinahe vergesse ich nach Kleingeld zu fragen.
In der Kanzlei sind die letzten Tage an mir vorbei geflogen und seit der Mittagspause hat der Chef uns schon mehrfach auf das gute Wetter hingewiesen. Mein Kollege möchte noch bleiben und ein paar Sachen am Computer machen. Ich sage noch schnell tschüss und als ich am Fahrstuhl auf den Knopf drücke, frage ich mich bereits, was ich mit meiner Freiheit machen soll. In der Lobby wünscht mir der Pförtner eine Gute Nacht. So spät ist es wirklich noch nicht.
Draußen blenden mich die Sonnenstrahlen und meine von der Klimaanlage ausgetrockeneten Augen wollen sich erst nicht richtig öffnen. Ich gehe die Siebzehnte runter zum Weißen Haus. Vorbei an dem Mann, der immer an der Ampel, auf seiner Kiste sitzend, in der Bibel blättert und um Kleingeld bettelt. Er schaut so gut wie nie auf. Ich frage mich, ob er jemals liest, ob er lesen kann. Ich fühle mich aber gleich schlecht, weil ich ihm nicht unterstellen möchte, dass er seine christlichen Mitmenschen durch das zur Schau stellen der Bibel in Geberlaune bringen möchte. An der Ampel bin ich so mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich erschreckt antworte, als ein Mann im Anzug über die Straße gerannt kommt und irgendwas in meine Richtung ruft. Als ich ihn Frage was los ist, sieht er mich verblüfft an. Erst jetzt sehe ich sein Headset am Ohr und den Blackberry in der Hand. Wie ein Roboter aus einem Science Fiction Film, scheint er ferngesteuert durch die Straßen geleitet zu werden.
Am Weißen Haus sehe ich noch die Überreste des Queenbesuches. Überall hängen das Star Spangeld Banner und der Union Jack vereint. Sofort muss ich an die Liedzeile denken: „...our star spangled union jack flutters so proud, over the dancing heads of the merry patriotic crowd...“. Es geht aber kein Wind und die beiden hängen in einem müden Duett leblos nebeneinander.
Auf der Pennsylvania weiß ich immer noch nicht was ich mache. Plötzlich, einer Eingebung folgend, frage einen Polizisten, wo noch mal der verflixte Fahrradverleih hier in der Gegend war. Und ich hatte recht. Direkt um die Ecke, am alten Postoffice gibt es Fahrräder.
Der Typ sagt mir, dass sie nur noch 1,5 Stunden offen haben und die Miete mindestens 15 $ kostet. Mir ist das nicht egal, aber mir scheint es das heute wert zu sein. Ich muss noch kurz Fragen beantworten, wo ich herkomme, was ich hier mache und wie lange ich bleibe. Dann muss ich meine Kreditkarte abgeben und bestätigen, dass Berlin eine super Stadt ist und der Fahrradtyp auf jeden Fall wieder hinfahren soll. Er packt mir noch eine kleine Reisetasche. Ich passe nicht so recht auf, was er da rein tut, aber es müssen wohl eine Luftpumpe, ein Fahrradschlauch und ähnliches sein. Ich bekomme auch einen Helm, den ich sofort an meinen Lenker hänge, nachdem mir der Fahrradtyp sagt, dass die Helmpflicht für mich nicht gilt aber für sie.
Außer Sichtweite kann ich dann aber doch nicht anders.Ich halte an, setzte den Helm auf und muss ein bisschen schmunzeln. Ich komme mir vor wie beim Besuch in der Synagoge. Der Helm ist so klein, dass er wie eine jüdische Kippah gerade mal meinen Hinterkopf bedeckt. Ich mache also schnell ein Foto und fahre weiter. Nach hundert Metern halte ich wieder an. Ich muss erst mal den Sattel etwas höher stellen, sonst schlage ich mir an den Knien die Zähne ein.
Als ich am Capitol vorbei bin, überkommt mich ein kleines Hochgefühl. Ich kann nicht sagen warum, aber vielleicht berauscht mich tatsächlich die Geschwindigkeit. Kaum vorstellbar, es geht immer noch ein wenig bergauf.
Ich fahre durch Wohngebiete mit bunten Häusern und verwilderten Vorgärten. Die meisten Häuser lassen sich nicht recht fotografieren. Oft liegen sie hinter Bäumen verborgen. Ich frage mich, was diese Häuser so typisch amerikanisch macht. Vielleicht ist es diese Mischung aus bourgeoiser Kleinbürgerlichkeit, der nachlässigen Ausführung und der Liebe zu kitschigen Details. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes.
Mein Fahrrad führt mich auch zum Eastern Market, der letzte Woche noch durch ein Feuer beschädigt wurde.
Wer die kämpferischen Worte im Fernsehen, Radio und auch hier zu solchen Anlässen hört und sieht, sollte sich nicht wundern, dass die Kommentierung so mancher politischer Großereignisse in amerikanischen Worten, für europäische Verhältnisse geradezu martialisch klingt.
Mir dünkt, ich schweife ab.
Lange halte ich mich am Eastern Market ohnehin nicht auf. Vorbei an verschiedenen Läden...
Jefferson Monument,...
Die U-Bahn ist voll und fährt im Stop and Go, weil vor uns sich die Züge stauen. George Bush setzt sich neben mich und ich möchte ihn fragen, warum er beim Besuch der Queen in seinem schwarzen Frack und weißer Fliege unablässig gegrinst hat. Ihm dürfte zur Zeit eigentlich nicht nach Grinsen zu Mute sein. Wer weiß, vielleicht hätte ich auch gegrinst, neben der Queen.
Ich muss eingenickt sein. Wir sind schon am Medical Center. Ich stehe auf und entschuldige mich an zwei drei Leuten vorbei, bis ich auf den Bahnsteig taumele. Die endlose Rolltreppe aus der U-Bahnluft ans Licht. Zu meinem Bus muss ich rennen, er steht schon an der Kreuzung. Der Busfahrer ist gnädig und lässt mich noch einsteigen.
Zu Hause verarbeite ich...
...meinen Tag.
Habe ich heute viel oder wenig erlebt?
Schöne Grüße,
Euer WashingtonPoster
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